Wahrnehmungsfenster

Früh muss üben, wer ein Mensch sein will

Neue Erkenntnisse machen deutlich, wie Eltern fördern können, ohne zu überfordern

Ob Genie oder Durchschnittsbürger – ein Mensch entwickelt sich sein Leben lang, selbst im Alter hat er noch lange nicht ausgelernt. Doch die  Lehrpläne werden schon früh aufgestellt, wie nicht nur klassische Psychoanalytiker schon seit Jahrzehnten behaupten, sondern auch neuere neuropsychologische Forschungen zeigen: Alle Facetten des menschlichen Geistes wie sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit, logisches Denken, die Sprache, die Motorik und selbst die Gefühle beginnen schon vor der Geburt zu keimen und prägen sich dann in bestimmten Abschnitten, den kritischen Zeiträumen der frühen Kindheit aus.

Aus diesen Erkenntnissen folgt, dass gerade in der ersten Phase eines Menschenlebens vieles unaufholbar versäumt und falsch gemacht werden kann.

Lediglich ein kleiner Teil der 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn – zuständig für Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag, Körpertemperatur und Reflexe – ist bei Neugeborenen nach genetisch festgelegten Plänen vernetzt und aktiv. Der große Rest wartet auf seine sinnvolle  Verschaltung. Das Kind  lernt über einen längeren Zeitraum sehen, hören, tasten, schmecken und riechen. Dabei etablieren sich durch ständige Wiederholung der Reizverarbeitung feste Schaltkreise aus den 100 Billionen möglichen Schaltstellen im Hirn.

Solche Lernvorgänge sind indes zeitlich begrenzt, die Fenster der Wahrnehmung nur zu bestimmten Zeiten geöffnet: Amerikanische Forscher, die Katzen gleich nach der Geburt ein Auge verschlossen haben, verhinderten damit die Verschaltung zwischen Netzhaut und Sehrinde. Nach einigen Jahren öffneten die Forscher die Augen wieder, doch die Tiere vermochten nicht mehr sehen zu lernen.

Mit dem Training der Sinne setzt in den ersten Monaten die Sprachentwicklung ein. Die Nervenzellen der Hörrinde beginnen sich zu bestimmten Mustern zu organisieren, sobald der Säugling Laute hört, die in der Muttersprache häufig vorkommen. Die Webart hängt von der Sprache ab: Bereits bei sechs Monate alten Kindern repräsentieren sich unterschiedliche Sprachen durch unterschiedliche Gehirnströme. Ein Beispiel dafür liefern japanische Kleinkinder. Sie können schon vom ersten Lebensjahr an ein  „r“  nicht mehr von einem  „l“ unterscheiden.

Um die Sprachentwicklung voranzubringen, sollten Eltern viel mit ihrem Nachwuchs reden. Mit 20 Monaten beherrschten Kinder gesprächiger Mütter und Väter im Durchschnitt 131 Wörter mehr als Altersgenossen mit eher schweigsamen Eltern. Mit 24 Monaten vergrößert sich der Abstand auf 295 Wörter.

Das sprachliche Wahrnehmungsfenster schließt sich nach ungefähr zehn Jahren. Deswegen beherrschen Kinder, die schon in der Grundschule eine Fremdsprache zu lernen beginnen, sie später wesentlich besser als andere, die erst danach damit anfangen.

Musikalische Fähigkeiten formen sich vor allem in einem sensiblen Zeitraum vom dritten bis zum zehnten Lebensjahr. Wissenschaftler an der Universität Konstanz haben die Gehirne von neun Musikern untersucht, die ein Streichinstrument spielen. Bei allen Probanden war der für die linke Hand zuständige Teil der Hirnrinde besonders stark ausgeprägt. Der Umfang der Vernetzung sei, so die Forscher, aber nicht von der Dauer der täglichen Praxis abhängig, sondern vom Alter, in dem die kleinen Virtuosen zu spielen begonnen haben. Zeigt ein Kind Interesse, sollte es also so früh wie möglich ein Instrument in die Hände bekommen.

Durch gemeinsames Singen und Vorspielen einfach strukturierter, aber melodischer Musik können Eltern die musikalischen Fähigkeiten ihrer Sprösslinge fördern. Durch Musik kann auch das räumliche Vorstellungsvermögen stimuliert werden: Beim Musizieren und Hören vor allem klassischer Musik werden die benachbarten Mathematik-Schaltkreise des Gehirns gleich mit beansprucht.

Die mathematisch-logischen Fähigkeiten des Menschen formen sich hauptsächlich zwischen dem ersten und vierten Lebensjahr. Die Erklärung einfacher logischer Begriffe wie „einer“ und „viele“ oder von Eins-zu-eins-Verhältnissen am Frühstückstisch – ein Teller und ein Becher pro Person – fördert das logische Denken.

Die  Vernetzung der für die Bewegungskoordination zuständigen Kleinhirn-Neuronen beginnt bereits in der siebten Schwangerschaftswoche und erreicht ihren Höhepunkt acht bis zehn Wochen später. Nach der Geburt müssen diese ‑ Motorik-Bereiche weiter aktiviert werden. Je öfter Arme und Beine in Aktion sind, um so stärker etablieren sich die entsprechenden Verknüpfungen. Das  Bewegungsfenster schließt sich nach etwa zwei Jahren. Den natürlichen Bewegungsdrang von Kleinkindern sollten Eltern also nicht unterbinden. Denn das kann zu Verhaltensstörungen, Konzentrations- und Lernschwäche führen.

Die Knotenpunkte der Emotionen werden ebenfalls schon vor der Geburt grob geknüpft. Soziale und emotionale Erfahrungen der ersten Lebenszeit zurren die Vernetzungen sozusagen fest. Sie entscheiden mit darüber, wie intelligent, selbstsicher und redegewandt ein Kind wird. Wichtig ist, dass Eltern die Gefühle ihres Sprösslings widerspiegeln: Wird etwa Begeisterung mit einem Lächeln oder einer Liebkosung belohnt, verstärkt sich der dafür zuständige Schaltkreis. Kinder, deren Eltern keine Gefühle zeigen, können keine entwickeln.

Zwischen dem zehnten und dem 18. Monat verschalten sich Gehirnteile, die zuständig für rationales Denken sind, mit jenen Hirnbereichen, in denen die Emotionen lokalisiert sind. Diese Vernetzung scheint ein wichtiges Kontrollelement der Psyche zu sein: Sie ermöglicht, dass Vernunft in emotionale Verhaltensweisen einfließen kann und überwacht so die Erregungsreaktionen. Vermutlich trainiert elterliche Zuwendung dieses Zusammenspiel, und Kinder lernen so, sich selbst zu beruhigen.

Stress und wiederkehrende unangenehme Situationen beeinflussen diese Vernetzung. In der Hirnregion Mandelkern werden akustische und optische Signale auf deren emotionalen Inhalt untersucht, bevor sie rational verarbeitet werden. Erlebt ein Kind etwa häufig die Situation, dass der Vater betrunken und schreiend nach Hause kommt, reicht schon ein Lallen des Vaters vor der Haustür, und das Kind bekommt Angst: Der Mandelkern fungiert als Speicher für schlechte Erfahrungen.

Kinder können aber auch von Eltern überfordert werden – etwa von Eislaufmuttis, Tennisvätern oder Einstein-Eltern, die durch scharfes Lese- und Rechentraining kleine Genies schaffen wollen. Das gilt auch für die pränatalen Universitäten, in denen etwa in den USA Schwangere ihre Ungeborenen täglich stundenlang mit Geräuschen beschallen lassen, um deren Intelligenz zu steigern. Solche Reizüberflutung ist jedoch riskant: Die Kinder könnten später nicht etwa intelligenter, sondern nervöser, ängstlicher und weniger auf­nahmefähig werden.

Andererseits brauchen Eltern nicht zu fürchten, ihren Kleinen durch gelegentliches Fehlverhalten wie unsensible oder unbeherrschte verbale Aktionen nachhaltig zu schaden. Gesunde Kinder geben ihren Eltern etwa zwei Jahre Zeit, ihr Erziehungs-Geschäft zu erlernen. So lange ver­zeihen sie alltägliche kleine Fehler sofern sie sich nicht oft wieder­holen, beruhigt die Berliner Psychologin Hellgard Rauh. Fachleute warnen eher vor übertriebener Kopflastigkeit. Eltern sollten sich vor allem an einem orientieren: Das Miteinander muss allen Spaß machen!

Autor: Christoph Pawek

zitiert nach GEO, Nr. 7, Juli 1996

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